Sigmund Freud (1856–1939)

Neurologe, Tiefenpsychologe, Kulturtheoretiker und Religionskritiker

Ehepaar Freud

Schnell, kommen S’ rein, das Museum schließt gleich. Dann kann ich Ihnen alles in Ruhe erzählen. Ohne die vielen Besucherinnen und Besucher! Wenn Sie nichts dagegen haben, tauschen wir die Rollen: Ich lege mich auf die Couch und sie lauschen in „freischwebender Aufmerksamkeit“ meinen Ausführungen:

Aufgewachsen bin ich auf der „Mazzesinsel“, dem Ghetto drüben in der Leopoldstadt

Es war nicht vorauszusehen, dass ich es hierher in den eleganten Alsergrund schaffen würde.

Glaubst Du, dass einst auf einer Tafel stehen wird: ‚Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Dr. Freud das Geheimnis des Traumes‘?Die eher scherzhafte Frage des Vaters der Psychoanalyse Sigmund Freud (1856–1939) in einem Brief an einen Freund. 1899 erschien sein epochales Werk „Die Traumdeutung“. Die erste Auflage mit 600 Stück brauchte acht Jahre, um verkauft zu sein, der Rest ist Geschichte. An der besagten Stelle steht heute tatsächlich eine Gedenktafel (Himmelstraße, Bellevue-Wiese, 19. Bezirk).

Aber ich war ehrgeizig, und doch sollte es 40 Jahre dauern, bis ich meinen Weg gefunden hatte. Ein Traum war schuld! Groteskerweise enthüllte sich mir sein Geheimnis oberhalb von Grinzing. Wo mir doch dieses ganze wienerische Getue um Gemütlichkeit mit den Heurigen- und Opernbesuchen höchst suspekt ist. Welch’ Ironie! Ich genieße da doch lieber in Ruhe meine Zigarre. Woll’n S’ auch eine? Eigentlich ist hier ja mittlerweile Rauchverbot. Das vergess’ ich immer.

Wo bin ich stehengeblieben?

Ach ja, bei Grinzing. Ich hätte es ja nicht für möglich gehalten, aber just an diese historische Stelle hat Wien eine Gedenktafel gestellt! Vielleicht war das eine Art Wiedergutmachung. Denn: „Die Stadt hat alles, was in ihrer Macht lag, getan, um keinerlei Anteil an der Entwicklung der Psychoanalyse zu nehmen.“

Siegmund Freud Tür

Museum Geschichte

Siegmund Freud Handschrift

Wien hatte einfach Angst vor meinen Erkenntnissen. „Ödipuskomplex, Penisneid und Kastrationsangst“ haben sie mir angedichtet, die Wienerinnen und Wiener, und hatten Angst, dass mein tabufreier Umgang mit Sexualität die Jugend gefährde. Ha! Wenn die gewusst hätten! Seit ich 40 war, lebte ich weitgehend enthaltsam. Ich hatte doch schon sechs Kinder mit meiner geliebten Martha! Na ja, 1920 – skandalös spät – haben sie’s dann doch verstanden und mir eine ordentliche Professur angetragen. Ja, Wien war ein kleingeistiges „Gefängnis“ für mich. Aber rückblickend – aus dem Exil heraus – muss ich sagen: Ich habe es „immer noch sehr geliebt“.

Text: Verena Brandtner, Fotos: Christine Wurnig